Kunst & Kultur Katars

Obwohl der Reichtum des kleinen Emirates am Golf auf den großen Gasvorkommen beruht, hat die Führung Katars schon recht früh darauf gesetzt, dass die Bildung ihrer Bürger eine zentrale Rolle bei der künftigen Entwicklung des Landes spielen muss. Deshalb hat die Regierung die Förderung von Bildung und Kultur zu Eckpfeilern ihrer nationalen Entwicklungsstrategie erklärt.

Sehr zielstrebig hat Katar seit dem Machtantritt von Sheikh Hamad Bin Khalifa Al Thani im Jahre 1995 seine ambitionierten Pläne zur Schaffung eines auf Bildung basierten, modernen arabischen Landes umgesetzt, das sich zu einem intellektuellen und kulturellen Zentrum in der Golf-Region entwickeln soll. In seiner Qatar National Vision 2030 spielen Bildung, Kultur und Umwelt eine herausragende Rolle. Es ist nicht bei Lippenbekenntnissen geblieben.

Heute ist das ehrgeizige Projekt der Education City nahezu fertig gestellt. Wegen der herausragenden Architektur der Institute auf dem Campus gehört die Education City auch zu den Highlights für jeden Katar-Besucher.

Auf einem Gelände von 14 Quadratkilometern beherbergt die Education City fast ein Dutzend Fakultäten als Ableger von international renommierten Universitäten aus den USA, Kanada und Europa, sowie mehrere international renommierte Institute. Die mehr als 2000 Studenten können hier etwa Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Chemie, Design, Mode und Journalismus studieren. Zugelassen werden nicht nur Studenten aus Katar, sondern aus der ganzen Welt. Es werden Stipendien vergeben, vorzugsweise auch an junge Akademiker aus anderen arabischen Ländern. Sie sollen nach Möglichkeit zur wissensbasierten Entwicklung des Landes beitragen. Recht erfolgreich hat Katar viele renommierte Wissenschaftler und Akademiker aus dem Ausland als Lehr- und Ausbildungspersonal angeworben.

Um katarische wie internationale Forschungsprojekte zu fördern wurde der Qatar National Research Fund eingerichtet. Seit seiner Gründung 2006 förderte der Föder-Fonds mehr als 700 Projekte, darunter zahlreiche deutsche.

Zur Education City gehört auch das Sidra Hospital, das mit seinen mehr als 4000 Mitarbeitern als größtes und bedeutendstes Klinikum und Ausbildungsstätte für Gynäkologie und Geburtshilfe in der gesamten Region gilt. Unmittelbar vor seiner Eröffnung steht die Nationalbibliothek Katars, die Qatar National Library, die mit einem höchst innovativen Konzept und neuester Technik in einem beeindruckenden Gebäude untergebracht ist, das der renommierte Architekt Rem Koolhaas entworfen hat. Im benachbarten Qatar Science and Technology Park (QSTP) entwickeln Firmen anwendungsnah innovative wissenschaftliche und industrielle Projekte. Das benachbarte Qatar National Convention Center mit seiner beeindruckenden Fassade, die dem Sidra-Baum nachempfunden ist, hat 2012 unter anderem die UN-Klimakonferenz COP 18 mit rund 12 000 Teilnehmern beherbergt.

Die Education City ist ein Project der Qatar Foundation, einer staatsnahen Stiftung, die ihre Finanzierung aus dem Öl- und Gasgeschäft des Landes bezieht. Die treibende Kraft und Visionärin der Stiftung ist Sheikha Moza Bint Nasser Al-Missned, die Mutter des jetzigen Emirs Sheikh Tamim Bin Hamad al-Thani. Mit ihrer unmissverständlichen Orientierung auf Bildung, Technologieentwicklung und kulturelle Teilhabe gilt sie vor allem jungen Frauen als eine Ikone der modernen arabischen Welt. Allein der Umstand, dass sie als Frau des damaligen Emirs derart im Vordergrund stand und dabei eine höchst aktive Rolle in der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes spielte, dokumentierte das neue Selbstverständnis der Kataris seit 1995. Viele konservative Kataris freilich teilten und teilen nicht immer diese progressive Haltung, zumal Sheikha Moza sich zwar traditionell aber westlich orientiert kleidet und ihr Gesicht stets unverhüllt zeigt.

Ihre Tochter Hind leitet seit 2014 die Qatar Foundation in der Tradition ihrer Mutter. Ihre Tochter Al Mayassa leitet die Qatar Museums, die ebenfalls zu den bedeutenden Kultureinrichtungen des Landes gehört. Das bekannteste Museum Katars ist das Museum für islamische Kunst. (Museum of Islamic Arts MIA), das in einem beeindrucken Bau an exponierter Stelle der Corniche von Doha steht. Es wurde von dem weltberühmten Architekten I. M. Pei entworfen; es gilt als das bedeutendste Museum seiner Art auf der Arabischen Halbinsel. Weitere beachtliche künstlerische Institutionen sind das Mathaf, das Museum für Moderne Kunst und die Fire Station – eine Galerie, in der Künstler über einen längeren Zeitraum ihre Projekte entwickeln können.

Vor seiner Eröffnung steht das National Museum of Qatar, ein beeindruckender Bau östlichen Ende der Corniche, der von dem Architekten Jean Nouvel in Form einer riesigen Sandrose entworfen wurde. In der Planung ist ein Olympisches und Sportmuseum, das im Khalifa-Stadion entsteht, in dem im Jahre 2022 das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft stattfinden wird. Sheikha Al Mayassa, die Chefin der Qatar Museums, gilt als eine der herausragenden und einflussreichsten internationalen Kunstsammlerinnen. Verschiedentlich ist sie als die „Medici der Gegenwart“ bezeichnet worden. Ihre Kinder lernen die deutsche Sprache, was ihre Sympathie für die deutsche Kultur unterstreicht.

Zu den bemerkenswerten Einrichtungen der Qatar Foundation gehören auch die Doha Debates, bei denen monatlich politische Themen frei diskutiert werden können; sie werden von der BBC übertragen. In der Education City findet sich auch der Kinderkanal von Al Jazeera, dem weit über seine Staatsgrenzen hinaus bekannten Sender aus Doha.

Der mittlerweile berühmte Fensehsender Al Jazeera wurde 1995 gegründet, um die amerikanische dominierte Berichterstattung über Politik im arabischen Raum zu brechen. Anlass war vor allem die Berichterstattung über den Irak-Krieg einer westlichen Allianz, die von vielen Arabern als einseitig und unfair begriffen wurde. Al Jazeera hat von Beginn an auf die westliche Tradition eines (möglichst) objektiven Journalismus in der politischen Berichterstattung gesetzt. Die meisten der Journalisten, die angeheuert wurden, hatten zuvor bei der BBC gearbeitet. Sie konnten und können ihre journalistischen Standards in Katar anwenden.

Für viele Araber war und ist Al Jazeera eine Errungenschaft für das bessere Verständnis von Politik und Gesellschaft in der arabischen Welt – und darüber hinaus. Mit seiner unbefangenen und aufklärerischen Berichterstattung hat sich Al Jazeera freilich auch viele Gegner gemacht – vor allem unter denen im arabischen Lager, die eine freie Berichterstattung über die Verhältnisse in ihren Ländern für abträglich halten. Der westlich geprägte Journalismus steht nicht unbedingt in der Tradition monarchischer oder autokratischer politischer Systeme.

Seit Katar durch die politische Gegnerschaft zum herrschenden Assad-Regime in Syrien gleichsam zur mittelbaren Kriegspartei geworden ist, haben manche dem staatsnahen Sender Al Jazeera eine parteiliche Berichterstattung über den Krieg in Syrien vorgeworfen. Auch die jetzige, durch einen Militärputsch an die Macht gelangte Regierung Ägyptens beklagt sich über eine kritische Berichterstattung, hat das Al Jazeera-Büro in Kairo geschlossen und Al-Jazeera Journalisten angeklagt. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten verlangen, dass der Sender geschlossen werden soll. Die Regierung in Katar empfindet genau das wiederum als eine unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Katars – und besteht auf dem unabhängigen Journalismus bei Al Jazeera.

Mit seiner Senderfamilie BE In Sports ist Al Jazeera mittlerweile zu einem der bedeutendsten Rechteinhaber- und -verwerter für Sportsendungen im Nahen und Mittleren Osten aufgestiegen.

Mit all seinen Einrichtungen der Bildung, Kultur, der offenen Debatte wie den genannten und etwa dem Doha Institute gilt Katar für viele Bewohner des arabischen Raumes als ein führendes Zentrum des modernen, kritischen Denkens in der Region.

Ein weiteres Zentrum für Kunst und Kultur ist das moderne Kulturdorf Katara direkt am Meer zwischen West Bay und The Pearl. Das 2010 erbaute Dorf besteht aus Konzerthallen, Theatern und Ausstellungen und beherbergt außerdem einige der bedeutendsten Kultureinrichtungen des Landes. Darunter das Doha Film Institute, die Qatari Fine Arts Society, das Visual Art Centre, die Qatar Photographic Society und die Qatar Music Academy. Im großen römischen Amphitheater finden Aufführungen von Opernstücken und andere Musikproduktionen statt.

Ebenfalls auf dem Gelände von Katara beheimatet ist das Philharmonische Orchester Katar. Es spielt westliche sowie arabische Musik und will Einheimische und Ausländer inspirieren, Musik aus anderen Kulturkreisen kennenzulernen und zu genießen. Das Orchester mit Profimusikern aus Europa und der gesamten arabischen Welt spielt ungefähr 40 unterschiedliche musikalische Programme pro Jahr. Es tritt nicht nur zuhause, sondern auch auf der ganzen Welt auf – wie z. B. in der Royal Albert Hall in London und im Konzerthaus Wien.

Die katarische Verbundenheit zu ihrer Tradition spiegelt sich besonders im aufwendig renovierten arabischen Markt Souq Waqif wider. In etlichen Galerien und Läden findet man kunstvoll gewebte iranische Teppiche, Düfte jeglicher Art, zeitgenössisches Kunsthandwerk sowie zahllose Restaurants und Shisha-Bars.

Als Teil der Qatar Foundation zeichnet das königliche Gestüt  Al-Shaqab für das Erhalten des Kulturerbes und der Wertschätzung der Arabischen Pferderasse verantwortlich. Namensgebend für das Gestüt und Reitzentrum ist ein Landstrich, auf dem Kämpfe zwischen den Vorfahren der Al-Thani und den Osmanen stattfanden. Der historische Sieg bei Al Shqab, bei dem Pferde eine besondere Rolle spielten, führte zur Unabhängigkeit Katars. Bis heute sind die in der Saison wöchentlich stattfindenden Pferderennen bei der Bevölkerung sehr beliebt. Das Gestüt, das auch beste Beziehungen zu deutschen Einrichtungen der Pferdewirtschaft und Hippologie unterhält, gehört zu den weltweit erfolgreichsten Zuchtstationen für arabische Pferde.

 

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Qatar – The Arab Capital of Culture 2010 war der Startpunkt für ein Programm, das ein internationales Bewusstsein für katarische Kultur schaffen soll. Das „Kulturjahre-Programm“ bringt Kulturen aus aller Welt nach Katar, um ein Verständnis zwischen Nationen zu schaffen. Unter der Schirmherrschaft von Sheikha Al-Missaya bint Hamad Al Thani organisierte die federführende Qatar Museums eine Vielzahl von bilateralen, kulturellen Austauschprogrammen in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Kultur. Dank der Unterstützung der Partnerländer konnten eine Reihe von Ausstellungen, Konzerten, Wettbewerben und kulturelle Veranstaltungen durchgeführt werden. Bisherige Kulturjahre fanden statt mit folgenden Ländern: Japan, Vereinigtes Königreich, Brasilien, Türkei, China. Im Jahre 2017 fand das Deutsch-Katarische Kulturjahr statt.

Die rasante wirtschaftliche Entwicklung führte nicht nur zu einem großen Reichtum des Landes, sondern brachte auch vielfältige kulturelle Einflüsse aus anderen Teilen der Welt ins Land. Dieser Entwicklung trägt die Regierung von Katar Rechnung, indem es den Respekt vor anderen Kulturen fordert und ihnen im eigenen Land Raum gibt. Gleichzeitig ist das Land darauf bedacht, seine eigene Identität zu wahren. Das erscheint der Führung des Landes umso wichtiger, als in naher Zukunft nur noch jeder zehnte Einwohner Katars ein „eingeborener“ Katari sein wird.