Einblicke in die Gesellschaft Qatars

Katar hat sich in den zurückliegenden 50 Jahren von einem vormodernen Wüstenland katapultartig zu einem modernen Staat katapultiert, der mancherorts gar futuristisch anmutet und – von der Herrschern Katars auch so gewollt – wie ein Modell für einen Staat wirken soll, der aus beduinischer Tradition kommend, sich bereit macht für die globalisierte Welt von morgen.

Noch leben in vielen Familien die Alten, die weder fließend Wasser, noch eine Klimaanlage oder gar ein Auto hatten. Armut, die Entbehrungen eines harten Lebens in der Wüste und Bildungsferne prägten das Land und seine kleine Bevölkerung, die noch 1950 kaum 50 000 Köpfe zählte. Heute leben in Katar mehr als 2,6 Millionen Menschen. In den Majlis, den traditionellen Versammlungszimmern der Familien, berichten Oma und Opa ihren Enkeln über das Leben in einer Zeit, als die Wüste und die islamische Religion die alles bestimmenden Elemente des kargen Lebens am Golf waren. Das kleine Museum im modernen Musheireb-Komplex zeigt das außerordentlich eindrucksvoll und sehr ehrlich. Die Führung des Landes möchte offenbar den in Reichtum aufwachsenden Kindern vor Augen führen, welcher sozialen Geschichte sie entstammen.

Auch wenn das sehr reiche Katar heute vielerorts wie ein Zukunftslabor anmutet, so ist doch unübersehbar, dass die äußere Modernität des Landes, die sich nach westlichen Vorbildern ausrichtet, nicht verwechselt werden darf mit der inneren Befindlichkeit der Einheimischen. Im Familienkreis gelten die alten Regeln, der Umgang miteinander folgt beduinischen und islamischen Formen. Sollte man von einer Mentalität der Kataris sprechen, so wurzelt sie hier.

Gleichwohl haben die Kataris in atemberaubender Geschwindigkeit das Regelwerk und die Codizes der globalisierten Moderne angenommen. Sie wissen viel mehr über die zivilisatorischen Gepflogenheiten des Westens als die Westlichen über die ihren. Kataris leben gleichsam in zwei Kulturen – und meistern diesen Brückenschlag zumeist hervorragend.

Wie viele arabische Länder so ist auch Katar auf der Suche nach einer Entwicklung, die die arabische, islamische Tradition bewahrt und gleichzeitig ein pro-aktives Leben in der Moderne möglich macht. So finden sich in Doha traditionelle Basare neben prunkvollen und modernen Einkaufszentren wie der Villaggio-Mall. Die Familien kommen in ihren Majlis zusammen und pflegen dort ihren engen, stark bindenden Zusammenhalt. Und treffen sich auch, miteinander oder im Austausch mit Ausländern, in den beeindrucken Lobbys und Restaurants der 5-Sterne Hotels.

Zwar weist die Verfassung von Katar das islamische Recht – also die Sharia – als „die Hauptquelle“ des Rechts aus. Im Alltag, vor allem in der Wirtschaft, wirkt sich das über nur marginal aus. Katar verfügt über ein Zivilgesetzbuch, das in allen wesentlichen Rechtsgebieten positiv-rechtlich normiert ist. In die Rechtsprechung des zivilen Justizsystems fließen heute laizistische Gesichtspunkte ein.

Die Sharia, die sich auf die im Koran überlieferten Reden und Handlungen des Propheten Muhammed stützt, ist keine finite Sammlung von Gesetzestexten. Sie umfasst neben rechtlichen auch moralische Komponenten des allgemeinen Zusammenlebens.

 

Die in Katar vorherrschende konservative Koranauslegung erwartet, dass sich Männer wie Frauen sittengemäß bedecken. Männer tragen regionstypisch weiße, lange, gewandähnliche Hemden und bedecken ihre Häupter mit Tüchern, die von einer geflochtenen Schnur gehalten werden. Frauen hüllen sich in schwarze, weitgeschnittene Kleider und verdecken gelegentlich ihr Gesicht mit einem Schleier. Sowohl Männer als auch Frauen grenzen sich damit deutlich von in Katar lebenden Ausländern ab und stechen dadurch im Straßenbild hervor. Denn die Kataris selbst vertreten nur etwa 12% der gesamten Bevölkerung. Die Kataris sind somit in ihrem eigenen Land eine Minderheit.  Inder, Nepalesen, Pakistanis, Zugereiste aus anderen arabischen Ländern und Europäer stellen die Bevölkerungsmehrheit. Sie formen den Alltag in Katar zu einem Basar der Kulturen und Weltanschauungen. Es herrscht Religionsfreiheit und so finden sich neben prächtigen und ärmlichen Moscheen auch Kirchen und Tempel auf der Halbinsel. Angehörige nicht-muslimischer Religionen sind allerdings aufgefordert, Symbole Ihrer Religionen nicht offen zu zeigen.

Freiheit genießt seit 1995 offiziell auch die Presse, welche durch den damaligen Monarchen, Emir  Ḥamad eingeführt wurde. Sie bedeutet zumal in Kriegs- und Konfliktzeiten nicht unumschränkte Meinungsfreiheit nach. Doch mit dem TV- Sender Al-Jazeera hat die Regierung von Katar seit 1996 Maßstäbe für professionelle Berichterstattung auch über politische Vorgänge gesetzt, die gerade im arabischen Raum nicht selbstverständlich sind.

Im Juni 2013 übergab Hamad bin Khalifa Al-Thani die Regentschaft seinem Sohn Tamīm. Der friedliche Übergang der Macht auf einen Nachfolger zu Lebzeiten des Regenten ist am Golf höchst selten. Der junge Emir Tamim, Jahrgang 1980, regiert seither die absolute Monarchie, zu der eine beratende Versammlung mit 35 ernannten Mitgliedern und ein Konsultativrat mit 29 gewählten Mitgliedern gehören. Dazu gehören auch Frauen – auch dies eine rare Ausnahme in den Golf-Monarchien. Verschiedenen Regierungen haben zuvor schon Frauen als Ministerinnen angehört. Tamīm führt den Kurs seines Vaters im Wesentlichen fort und investiert umfangreich in die Zukunft seines Landes. Außerdem ebnete er den Weg, um Katar zu einem umfassenden Sozialstaat umzuwandeln. Programme zur kostenlosen Bildung für alle Bewohner des Landes, ein breites Freizeitangebot sowie ein modernes Gesundheitssystem wurden schon unter seinem Vater eingeleitet. Durch Reformen kreierte er Arbeitsplätze nicht nur im öffentlichen Dienst und zahlt Renten und Pensionen an Staatsangehörige und deren Familien aus. Das Pro-Kopf-Einkommen der Kataris liegt bei rund 90 000 US-Dollar pro Einwohner.

Wie auch in anderen arabischen Gesellschaften ist die Familie das Zentrum sozialer Interaktion. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt und gilt als heilig im Sinne des Korans. Ebenso bedeutsam ist die global geschätzte Gastfreundschaft der Kataris. Sie geht auf ihr beduinisches Erbe zurück und manifestiert sich auch gegenüber Ausländern  in freundlichen Einladungen zu Tee, arabischem Kaffee und gemeinsamen Unternehmungen. Die Gastfreundschaft der Kataris ist sprichwörtlich.