Wirtschaft Qatars

Katar nahm nach dem Machtritt von Emir Hamad bin Khalifa Al-Thani, dem Vater des jetzigen Emirs Tamim, im Jahre 1995 einen fast märchenhaften Aufstieg zum einem Wirtschaftswunderland mit internationaler Ausstrahlung.

Der Reichtum des kleinen Landes, das nur halb so groß ist wie Hessen und weniger Einwohner hat als Lissabon, gründet sich auf die drittgrößten Erdgasreserven der Welt, die vor seiner Küste im Golf liegen. Das riesige Gasfeld teilt sich Katar mit dem benachbarten Iran auf der anderen Seite des Golfs. Emir Hamad bin Khalifa und sein zielstrebiger Außen- und Premierminister Hamad bin Jassim Al-Thani konzipierten und implementierten einen Plan, der Katar innerhalb weniger Jahre zu einem einflussreichen Faktor in der Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik der Region machte. Sie und weitere legendäre Gründergestalten des neuen Katar prägten die offensive Internationalisierung, durch welche Katar als neuer dynamischer Player der Region wahrgenommen wird.

Teil dieser erfolgreichen Strategie war, das Gas als Flüssiggas (LNG) zu exportieren – damals eine innovative, kostspielige und riskante Strategie. Heute ist Katar der größte LNG-Exporteur der Welt. Südkorea, Japan und Indien sind die größten Abnehmer. Der Stratege hinter diesem Vorhaben war der legendäre Energieminister Abdullah bin Hamad Al-Attiyah, der einer bedeutenden Familie des Emirates entstammt.

Deutschland ist nach den USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich einer der Hauptimportpartner Katars.  Seine Einnahmen aus dem Geschäft mit fossilen Ressourcen verwendet Katar überwiegend zur außerordentlich ambitionierten Entwicklung seines Landes hin zu einem Land der arabischen Moderne. Bildung, Gesundheit, Kultur, Medien, internationale Veranstaltungen und nachhaltige Entwicklung wurden zu Merkmalen und damit auch Markenzeichen seiner nationalen Entwicklung. Noch immer und noch auf viele Jahre hinaus ist Katar „a nation in the making“, was nicht nur an den unzähligen Baukränen auf hunderten von Großbaustellen im Lande abzulesen ist. Die Gesellschaft ist im Umbruch, die weitreichenden Pläne und hochfliegenden Visionen müssen sich erst noch bewähren. Doch gerade wegen seiner ehrgeizigen und weitreichenden Projekte wurde Katar oft als ein „Zukunftslabor“ bezeichnet.

Qatar National Vision 2030

Die Regierung von Katar plant ein stetes aber kontrolliertes Wachstum der Wirtschaft. Es soll der Größe des Landes angepasst und ökologisch nachhaltig sein. Eine zentrale Rolle zum Erreichen dieser Bestrebungen spielt die Qatar National Vision 2030.  Ihr Ziel ist, Katar zu einem fortschrittlichen Land zu formen, das sich entlang der Prinzipien der Nachhaltigkeit entwickeln kann. Ihr Erfolg soll durch das Zusammenwirken von mehreren Entwicklungsprojekten gleichzeitig gewährleistet werden.

Die vier Säulen der Vision 2030 sind

  • die Entwicklung der Wirtschaft auf der Grundlage von innovativen Technologien
  • die gesellschaftliche Entwicklung, die die Philosophie Islam ebenso berücksichtigt wie die allgemeinen Werte des menschlichen Zusammenlebens
  • die Entwicklung der Qualität des Lebens auf der Grundlage von Bildung, Kultur und Gesundheit
  • die Berücksichtigung der ökologischen Anforderungen an eine wachsende Nation in einer der trockensten Regionen der Erde.
 

Zur konkreten Umsetzung der Vision 2030 hat die Regierung die National Development Strategy beschlossen. Diese sieht eine Stärkung der Produktivitätsbasis (Gesamtwert aus Ressourcen, Institutionen, Infrastruktur, Arbeitskraft), die Erhöhung ökonomischer Stabilität (Kostenplanung, Reform des Zentralbankensystems, Verbindung des öffentlichen und privaten Sektors, größere Liquidität durch breitere Investition), die Steigerung technischer Effizienz (Energieverbrauchsenkung, Erweiterung der Schifffahrtswege & Transportkapazitäten, Reform der Landnutzung) und die Förderung ökonomischer Vielfalt vor (Wachstum ohne fossile Ressourcen, Subvention katarischer Unternehmen, Förderung der Qatar Foundation).

Auf diesem Weg war Katar ein großes Stück vorangekommen, bis zwei Faktoren die Entwicklung behinderten und deutlich verlangsamten. Der Ölpreis, von dem auch der Preis für Gas abhängt, sank von seinem Höchstwert im Jahre 2012 zeitweise um mehr als die Hälfte. Damit musste die Regierung von Katar ihre Ausgaben zur Entwicklung des Landes und zur Durchführung seiner ehrgeizigen Projekte deutlich reduzieren.

Zudem haben die benachbarten Länder Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Juni 2017 von einem Tag auf den anderen aus politischen Gründen ihre Beziehungen zu Katar komplett abgebrochen. Vor allem Letzteres hatte zu einem Schock geführt, von dem sich das Land erst allmählich erholt. Die Grenzen zu Saudi-Arabien waren plötzlich geschlossen; von hier kamen unter anderem 70 Prozent aller Milchprodukte des Landes. Viele internationale Firmen hatten ihre Geschäfte mit katarischen Firmen über Dubai abgewickelt. Auch hier wurden plötzlich alle Verbindungen gekappt. Folgen einer gezielten Abriegelungspolitik, die an die Blockade Berlins erinnern.

Die Regierung von Katar bezeichnet die einseitig und ohne jede Vorwarnung verhängte Blockade und den Boykott der Nachbarn als inflagrante “Verletzung internationaler Rechte und Verstoß gegen die Prinzipien der internationalen Beziehungen zwischen und Ländern und gegen die Menschenrechtskonventionen“. Diverse Forderungen der Boykott-Ländern wie Schließung des Fernsehsenders Al-Jazeera und Verzicht auf die Fußballweltmeisterschaft 2022 kritisiert die Regierung in Doha als unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten und Beschneidung von Freiheitsrechten. Unterstützung bei seinem Protest bekommt Katar mittlerweile von vielen internationalen Institutionen wie dem OHCHR, einer Einrichtung der UN zur Prüfung von Menschenrechtsverletzungen. Den Vorwurf von Saudi-Arabien und den VAE, Katar unterstütze Terroristen, weist die Regierung ohnehin seit langem und mit Argumenten zurück, die von vielen Institutionen und Regierungen in der westlichen Welt nachvollzogen werden.

Die Folgen der Abriegelung waren und sind für das kleine Land in der Wüste, das nur etwa drei Prozent seiner Lebensmittel selbst produziert, erheblich: Das Staatsbudget wurde signifikant reduziert, im Gefolge mussten die Investitionen im eigenen Land zurückgeschraubt werden – auch die in Wissenschaft und Bildung. Das Durchschnittseinkommen sank um fast ein Drittel.

Mittlerweile erholt sich Katar von dem politischen und ökonomischen Schock. Die Regierung glaubt sogar an die heilsame Wirkung der Blockade. Katar will sich in Zukunft und dauerhaft um weit größere Unabhängigkeit von den Nachbarländern bemühen (die Nachbarn Kuwait und Oman haben sich ohnehin nicht an dem Boykott beteiligt). Zudem habe der Boykott zu einer Beschleunigung seiner Bemühungen beigetragen, die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren, so äußern sich Regierungsvertreter.

Trotz aller Zuversicht herrscht in Doha die Sorge, dass die massive Machtdemonstration der großen Nachbarn schlimme Wunden schlagen kann.

Derweil wächst Doha, die größte Stadt des Emirats weiter. Die Großbauten für die Fußballweltmeisterschaft 2022 und der Aufbau einer modernen Infrastruktur inklusive eines öffentlichen Personen-Nahverkehrs treiben das heimische Wirtschaftswachstum an – auf immerhin noch gut 3 Prozent in 2017. Die Hauptstadt Doha ist neben dem kulturellen auch das wirtschaftliche Zentrum Katars. Hier finden sich die Niederlassungen nationaler und internationaler Unternehmen. Unter ihnen die größten Öl- und Gasfirmen Qatar Petroleum, Qatargas und RasGas.

Noch tragen der Export von Öl und vor allem von Gas etwa zur Hälfte zum Wirtschaftsaufkommen bei. Die Kataris wollen jedoch ihren Dienstleistungssektor erheblich ausbauen. Auch dies ist Bestandteil der Nationalen Strategie. Die größte katarische Bank Qatar National Bank und die Qatar Development Bank haben in Doha ihre Zentralen. Neue Stadtteile wachsen aus dem Boden. Katar hat eine extrem hohe Dichte an 5-Sterne Hotels.

Der internationale Flughafen Hamad International Airport ist zu einem der modernsten und größten Flughäfen der gesamten Region ausgebaut worden. Er ist der Heimatflughafen der nationalen Fluggesellschaft Qatar Airways. Mit einer neuen Flotte, Flügen um den ganzen Globus und etlichen Auszeichnungen gehört Qatar Airways zu den besten Airlines der Welt.

Die Qatar Investment Authority (QIA), der Staatsfonds von Katar, hat durch milliardenschwere Investitionen in ausländische Unternehmen sein Vertrauen in die wirtschaftlichen Potenziale befreundeter Ländern gezeigt. Im europäischen Markt wurden etwa Anteile an der Barclays Bank, an der Londoner Börse und der Credit Suisse erworben. Aber auch deutsche Konzerne wie VW, Siemens, Hapag-Lloyd sind darunter. Investments von katarischen Investoren in Milliardenhöhe gibt es in die Deutsche Bank, in viele mittelständische Unternehmen, in diverse Hotels und Wohn-, sowie Büroimmobilien in Deutschland.

Sport & Wirtschaft

Katar ist eine sportbegeisterte Nation. Seit mehr als einem Jahrzehnt finden in Doha sportliche Großereignisse statt. Herausragend waren die Weltmeisterschaften für Handball (2015), Tischtennis (2004), Squash (Männer 2012 und 2014), Gewichtheben (2005), Hallen-Leichtathletik (2010), Schwimmen (Kurzbahn 2014) und die Straßen-Radweltmeisterschaft (2016). Internationale Tennistourniere wie die Qatar Open mit allen Stars finden jährlich statt. Die Kunstturn WM folgt 2018 und die Leichtathletik-Freiluft-WM 2019.

Das bis dato größte sportliche Ereignis in Katar waren die Asian Games 2006, wie überhaupt Katar sportpolitisch zählt und deswegen seine Mannschaften und Einzelsportler zu asiatischen Wettkämpfen entsendet. Aktuell bereitet sich Katar intensiv auf die FIFA Weltmeisterschaft 2022 vor. Katar ist damit das erste arabische Land, in dem eine Fußballweltmeisterschaft stattfinden wird. Es ist zudem das erste muslimische Land mit einer Fußball-WM und das erste Land in einem Wüstengebiet.

Das alles waren wichtige Punkte, die bei der Entscheidung der FIFA für Katar als Austragungsland gesprochen haben. Den Masterplan für die Bewerbung Katars hatte das renommierte deutsche Architekturbüro Albert Speer & Partner ausgearbeitet. Bemerkenswerter Bestandteil der Bewerbung war noch eine weitere Innovation: Das Großereignis soll CO2-frei stattfinden. Zur Kühlung der Stadien und Fan-Zonen soll nachhaltige Energie sorgen. Katar hatte sich auf eine Fußball-WM im heißen Sommer und damit auf eine nie dagewesene Herausforderung eingestellt. Die Entscheidung, die WM im Winter stattfinden zu lassen, wurde von vielen Kataris eher bedauert, die sich schon darauf gefreut hatten, höchst innovative nachhaltige Technik einsetzen zu können. Viele Firmen – auch aus Deutschland – hatten sich bereits gemeinsam mit Institutionen in Katar mit der Entwicklung von nachhaltigen Technologien beschäftigt. Neue Stadion-Konzepte werden erprobt: So soll es die Möglichkeit zum Rückbau geben. Ein rückbaubares Stadion kann in einem anderen Land aufgebaut werden.

Die FIFA-WM schafft tausende von Arbeitsplätzen. Entgegen verzerrenden Berichten in Medien sind die Verhältnisse auf den Baustellen der WM-Stadien vergleichsweise gut. Die Statistik des Katarischen Supreme Committee zeigt auf, dass bis Ende 2017 auf den WM-Baustellen zwei Menschen bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen sind und neun weitere bei Unfällen, die nicht im Zusammenhang mit Baumaßnahmen stehen, z.B. Verkehr. Internationale Arbeitsorganisationen wie die ILO loben Katar mittlerweile für seine Fortschritte.

Die FIFA WM 2022 gibt der Wirtschaft von Katar einen erheblichen Schub. Sie erfordert einen massiven Ausbau der Infrastruktur, unter anderem von Autobahnen, einem  Metro- und Straßenbahnnetzwerk, einem Tiefseehafen und neun Stadien. Zuschläge für Großprojekte erhielten bekannte Architektur- und Ingenieurbüros wie Foster + Partners, WS Altkins und Arup Group. Auch deutsche Unternehmen erhielten Aufträge. Die Deutsche Bahn International projektiert ein 325 km langes Schienennetz für den Personen- und Güterverkehr, welches Metrolinien und Hochgeschwindigkeitsstrecken vorhalten wird.